Raja Yoga: Samadhi und Hingabe

Die Weite des Himmels ist überwältigend

Samadhi ist der achte und letzte Teil von Raja, dem königlichen Weg des Yoga. Raja ist auch als Astanga bekannt, dem achtgliedrigen Pfad.

Ich spazierte entlang des Arabischen Meeres in Mumbai, als eine Gruppe von Dorfbewohnern aus einem alten Bus ausstieg. Sie erblickten das Meer zum ersten Mal in ihrem Leben. Sie waren überwältigt vor Ehrfurcht. Sie wussten es nicht, aber als sie über die Weite des Meeres reflektierten, wie sie auf dem Boden verwurzelt standen mit sperrangelweiten aufgerissenen Augen und völlig verwundert, hatten sie einen Sekundenbruchteil Einblick in Samadhi! Jeder von uns hat bereits Erfahrungen mit diesen „flüchtigen“ Samadhis gemacht.

Ein Zustand des Staunens und der Ehrfurcht

Die Macht eines ohrenbetäubenden Donnerschlags ist gewaltig, ebenso die unvorstellbare Weite des Himmels. Wir staunen, wenn technologische Wunder wie eine Boeing 747 mit einem Gewicht von Tausenden von Tonnen abheben und tatsächlich fliegen. Jetzt stelle dir vor, dass du dieses Gefühl des Staunens und der Ehrfurcht nicht für ein paar Sekunden aufrecht erhältst, sondern für einige Minuten oder sogar so lange, bis du vollständig transformiert bist. Das ist Samadhi.

Jeder von uns hat schon einmal eine Idee gehabt, bspw. eine Idee für ein neues Spiel, ein schönes neues Kleid oder ein interessantes Rezept. Wie würdest du das Gefühl beschreiben, das damit verbunden ist? Wir könnten es als ein Flutlicht bezeichnen oder als Geistesblitz. In Comics und Bildern wird es oft als helle Glühbirne über dem Kopf dargestellt. Und es bringt auch einen Ton mit sich: A-ha! Es bringt ein Gefühl von intensiver Freude. Und dann ist es von einem Augenblick auf den anderen wieder verschwunden. Wenn du in diesem Zustand so lange verweilten könntest, bis aus dir eine andere Person wird, dann wäre das Samadhi.

Das Geschenk der göttlichen Vision

Wenn wir die Wunder der Natur erkennen, erfahren wir Momente erhöhter Wahrnehmung auch in unserem Alltag. Ist die Geburt eines Kindes nicht ein Wunder? Oder eine blühende Rose? Und der Sonnenaufgang? Es gibt so viele Wunder um uns herum und doch nehmen wir sie gar nicht wahr. Ein Yogi sieht und erlebt unvorstellbare Wunder in unserem sogenannten normalen Leben.

Kreative Menschen, ob Schriftsteller, Tänzer oder Schauspieler "sehen" anders. Sie sind einfühlsam und sensibel und gehen tief in sich hinein. Diese Personen haben große Einblicke in das Leben. Künstler, Musiker, Dichter und andere kreativ Schaffende haben einen weiteren Horizont; zwar ist der Horizont weiter, aber immer noch unvollständig. In der Bhagavad Gita schenkt Sri Krishna Arjuna den göttlichen Blick, damit er ihn in seiner wahren Gestalt wahrnimmt und Arjuna erblickt das gesamte Universum. Die Aussicht auf das Unendliche ist furchtbar und geht über das Verfassungsvermögen unseres Geistes hinaus.

Auf den Ebenen der Vollkommenheit und Unendlichkeit

Adler Nebula: Wiege der Sterne (Hubble Bild)

 

Hast du schon einmal Unendlichkeit erlebt? Versuche folgendes Experiment:

Stell dir vor, du fliegst sanft von der Erde, in die pechschwarze Dunkelheit des Weltraums. Es ist völlig still und ruhig. Siehst du die große Leere des Weltraums? Schaue hinweg über die Planeten, dort, wo Milliarden von Sternen den dunklen Himmel füllen, wo Tausende von Galaxien im Weltall schweben. Dies ist das Universum. Es erstreckt sich in die Unendlichkeit. Hört das Universum irgendwo auf? Wenn ja, gibt es dort eine Wand? Stell dir die Größe dieser Wand vor! Und was ist jenseits dieser Wand ...

Der Geist driftet ab und du fühlst dich schläfrig, wenn du dich mit solchen umwerfenden Gedanken beschäftigst, gerade weil sie so umwerfend sind! Wenn du ein tiefes Gefühl von Ehrfurcht erlebst, stößt du an die äußersten Grenzen deines Geistes. Alles, was dir dann noch bleibt, ist Hingabe. Versuche erst gar nicht, Unendlichkeit zu verstehen, denn dein Geist und deine Phantasie wird sich dem widersetzen. Ringe nicht um Worte, es zu beschreiben, denn es ist unbeschreiblich. Unendlichkeit ist grenzenlos und daher für uns Sterbliche überwältigend.

Wenn du am Rand der Unendlichkeit stehst, hast du einen Blick auf Gott geworfen. Vor Gott kannst du dich nur hingeben. Wenn dein Geist sich spontan hingibt, erlebst du Samadhi.

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