Dhyana: Einpunktigkeit im Raja Yoga

Dhyana, der Fluss der Meditation, ist das siebte Glied von Raja, dem königlichen Weg des Yoga. Raja ist auch bekannt als Astanga, dem achtgliedrigen Pfad des Yoga. 

Ein einpunktiger Geist ist für jeden, der in irgendeinem Bereich erfolgreich sein will, notwendig. Konzentration ist auch eine wesentliche Voraussetzung  für jeden, der nach tieferen spirituellen Einsichten strebt. Aber was macht eigentlich einen einpunktigen Geist aus? 

Es ist schwierig, Einpunktigkeit zu verstehen, da die meisten von uns sie noch nicht wirklich erlebt haben. Die Weisen sagen, dass unser Geist geteilt und zerstreut ist.  Wenn wir verstehen, was sie damit meinen, sind wir besser in der Lage, Einpunktigkeit zu begreifen. Was meinen die Yogis eigentlich, wenn sie von einem geteilten Geist sprechen? Und wie sieht diese Teilung genau aus? 

Antahkarana: Die 4 Aspekte des Geistes 

Der Geist hat drei verschiedene Teile oder Aspekte und jeder von ihnen erfüllt eine unterschiedliche Funktion:  

  • Buddhi ist der höhere Geist, er weiß, beurteilt und entscheidet. Es ist deine innere Stimme, die Quelle deiner Intuition und dein innerer Lehrer. 
  • Ahamkara, wörtlich der „Ich-Macher“, hat die Tendenz,  sich mit besonderen Gedanken zu identifizieren, wie bspw.: "Ich bin hässlich, ich bin klug, ich bin schwach, ich bin alt, ich bin ein Mann" und erstellt eine Selbstidentität, die du „Ich“ nennst. 
  • Manas übt eine doppelte Funktion aus:  es funktioniert als Schnittstelle  zwischen der internen und externen Welt und koordiniert die Sinne. 
  • Chitta ist das große und mächtige Lagerhaus unserer Erinnerungen, Gefühle, Ängste, Erwartungen und Wünsche. 

An einem Beispiel wollen wir die 4 Aspekte der Geistesfunktionen erläutern: 

Zwischen Chef und Mitarbeiter gibt es eine Meinungsverschiedenheit. Der Chef weiß, dass sein Mitarbeiter Recht hat, aber er kann es nicht zugeben. Analysieren wir die Situation.  Weiss der Chef wirklich, dass sein Mitarbeiter Recht hat? Nein! Nicht der Chef weiß es, sondern sein Buddhi, seine innere Stimme der Weisheit weiß, dass sein Mitarbeiter Recht hat. Warum gibt der Chef nicht zu, dass er falsch liegt? Weil er glaubt: "Ich habe immer Recht". Wer ist dieses Ich? Es ist Ahamkara, der "Ich-Macher", der unterschiedliche Identitäten annimmt. Hat  Ahamkara nun sehr strenge und starre Selbst-Identitäten, dann folgt Manas, als Koordinator zwischen der internen und externen Welten, den Anweisungen von Ahamkara und nicht denjenigen von Buddhi. 

Konflikte zwischen den 3 Aspekten des Geistes 

Immer, wenn es einen Konflikt zwischen diesen Teilen gibt, dann ist der Geist in sich geteilt; wenn diese Teile uns in verschiedene Richtungen ziehen, dann heißt es, unser Geist ist unstet. 

Solche Konflikte sind gut sichtbar in unserem täglichen Leben, insbesondere dann, wenn wir eine Entscheidung treffen müssen. "Soll ich meditieren oder nicht?" Buddhi sagt: "Natürlich!" Aber Ahamkara identifiziert sich mit dem Gedanken: "Ich bin faul." Ein solcher Geist kämpft mit sich selbst. 

Ahamkara identifiziert sich mit verschiedenen Gedanken und diese Gedanken können in Konflikt miteinander geraten. Wenn du am Abend zu Bett gehst, kommt dir eine Frage in den Sinn: "Soll ich früh aufstehen oder nicht?" Ahamkara, immer noch mit dem Gedanken identifiziert: "Ich bin faul" möchte länger schlafen. Aber seitdem du nun meditierst, hat Ahamkara eine neue Identität angenommen: "Ich bin ein Yogi" und möchte um 4 Uhr aufstehen. Diese beiden Identitäten rühren von Ahamkara her, widersprechen einander und dein Geist wird in entgegengesetzte Richtungen gezogen. Wenn du das Neuland deines eigenen Geistes erkundest, wirst du entdecken, dass Ahamkara oft vorgibt, Buddhi zu sein. 

Und dann gibt es da noch eine anderen Aspekt. Wenn du dich fragst: "Soll ich noch mehr Schokolade essen", wird Buddhi sagen: "Nein, das reicht." Wenn Manas allerdings untrainiert ist und durch starke Gewohnheiten der Sinne geprägt ist, wird es noch mehr Schokolade wollen. 

In der Bhagavad Gita  steht Arjuna einem Konflikt gegenüber: "Soll ich kämpfen oder nicht?" Sri Krishna, die Stimme der Weisheit, führt ihn aus seinem Dilemma heraus. Um einen reinen, einpunktigen Geist zu erlangen, ist es wichtig, dass du der Führung deines Buddhi folgst. Aber zwinge dir diese "richtigen" und "guten" Entscheidungen nicht auf. 

Schauen wir uns folgendes Beispiel an: du liebst Kleidung, gutes Essen, Autos und ein luxuriöses Leben. In einem Anflug von Begeisterung gibst du von einem Tag auf den anderen allen Luxus auf. In der Tat hat Buddhi endlich die Sinnlosigkeit einer materialistischen Lebensweise erkannt. Aber ist es klug, alles so plötzlich aufzugeben? 

Analysieren wir die Situation nochmals genau. Vielleicht hast du nur eine andere Identität hinzugefügt: "Ich bin ein Meditierender" und sollte daher ein einfaches Leben führen. Diese neue Identität steht im Konflikt mit der älteren und tieferen Identität des Materialistischen. Das Ergebnis ist wieder ein geteilter und zerstreuter Geist. Dieser Konflikt zwischen Buddhi und Manas ist normal in einer Welt, in der externe und interne Werte sich nicht harmonisch ergänzen. 

Höchste Gewaltlosigkeit und ein gesunder interner Dialog 

Also, was ist zu tun? Fortlaufende Gedanken über  steigende Benzinpreise rühren aus der Identität eines besorgten Familienvaters, Gedanken über die Zukunft der eigenen Kinder rühren von ängstlichen Eltern. Viele Identitäten bestehen nebeneinander. Der Wunsch nach Süßigkeiten stammt aus den untrainierten Sinnen und Manas. Die sanfte Stimme, welche dich vor Unehrlichkeit warnt, ist Buddhi. 

Beobachte und analysiere die folgenden Aspekte von Spaltung in deinem Geist:  

  • Buddhi und ein untrainiertes Manas, welches durch umher streunende Sinne beherrscht wird 
  • Die unterschiedlichen Identitäten von Ahamkara selbst 
  • Buddhi und Ahamkara, wobei Ahamkara versucht, sich als Buddhi auszugeben 
  • Chitta und die anderen Teile des Geistes 

Aufmerksamkeit gegenüber dem eigenen Reden und Handeln erhöht das Bewusstsein für deine geistigen Zustände und es hilft Manas zu zügeln. Ein gesunder interner Dialog, auch als Atma Vichara bekannt, hilft Konflikte zu lösen und überzeugt Ahamkara und Manas, Buddhi zu folgen. Wenn diese drei Aspekte miteinander harmonieren und auf dasselbe Ziel hin arbeiten, dann ist unser Geist einpunktig und wir können mühelos meditieren. Wenn Ahamkara und Manas Buddhi spontan und ohne Kraftanstrengung folgen, dann ist der Geist zielgerichtet. 

Diese internen Konflikt sanft aufzulösen ist ein Akt höchster Gewaltlosigkeit. Jetzt bist du in der Lage, mit Chitta und seinen unbegrenzten Möglichkeiten zu arbeiten. 

Buchtipp: 

Shakti Sadhana

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