Adhikara: Bin ich für die Erleuchtung geeignet?

Jugend ist vergänglich. Der Körper altert und stirbt.

Zusammenfassung des 1. Kapitels der Yoga Vasishtha: Über eine distanzierte Betrachtung der Welt

Die Yoga Vasishtha ist ein vedantischer Text und Teil des berühmten indischen Epos Ramayana. Die Ramayana erzählt die Geschichte von Lord Rama, der, obwohl er rechtmäßiger Erbe des Throns von Ayodhya ist, vierzehn Jahre ins Exil in den Dschungel geschickt wird. Die Yoga Vasishtha ist ein faszinierender Dialog zwischen Lord Rama und seinem spirituellen Lehrer Vasishtha. Sie besteht aus sechs Teilen. Der erste Teil Vairagya Prakaranam beschäftigt sich mit der distanzierten Betrachtung der Welt.

Ein junger Prinz sucht die Befreiung

Eine Reise durch sein Königreich verändert grundlegend die Lebenseinstellung des 16 jährigen Rama, Prinz von Ayodhya. Er zeigte keinerlei Interesse mehr an den weltlichen Freuden des Palastes, seinen Verwandten, Reichtum, Macht oder all den anderen Dingen, die gewöhnlich das Interesse eines jungen 16-Jährigen wecken. Rama beschäftigte sich vielmehr mit den folgenden Fragen und Gedanken: Was bedeutet Glück für die Menschen und kann es überhaupt in der sich stets verändernden Welt erlangt werden? Jeder Mensch auf dieser Welt wird geboren um zu sterben und stirbt um geboren zu werden!

Hier wird bereits klar, dass die Yoga Vasishtha nicht lediglich eine phantasievolle Erzählung oder eine intellektuelle Abhandlung ist. Es ist eine Anleitung für all diejenigen, die eine Befreiung aus dem Kreislauf von Geburt und Tod suchen. Schon an früher Stelle weist der legendäre Autor der Yoga Vasishtha auf Folgendes hin: der ist qualifiziert, diese Schrift zu studieren, der fühlt:"Ich bin in dieser Welt verhaftet, doch ich muss Freiheit erlangen."

Adhikari: ein ernsthaft Suchender

Im Gegensatz zu vielen anderen spirituellen Traditionen, die predigen und bekehren, basiert die indische spirituelle Tradition auf dem Gedanken des Adhikar oder der Qualifikation. Der Lehrer fragt seinen Schüler ständig, ob er ein "Adhikari" ist, also jemand, der qualifiziert ist und bereit ist, die Lehre anzunehmen. Dabei ist das einzige Qualifikationsmerkmal, die spirituellen Lehren zu empfangen, das echte Bedürfnis nach der Lehre selbst. Die indischen Meister geben ihr Wissen nur ungerne weiter. Sie stellen den Aspiranten häufig auf die Probe um wirklich sicher zu sein, dass sie einen wahrhaft Suchenden unterrichten.

Ein Adhikari ist jemand, der:

  • Fragt, "Was bedeutet Glück? Was bedeutet Leiden?"
  • Fühlt, "Ich bin in dieser Welt verhaftet, doch ich sollte die Freiheit erlangen."
  • etwas Bleibendes sucht; nicht interessiert ist am Vergänglichen und sich stets Ändernden
  • Schmerz und Leiden in allem weltlichen Leben sieht.

Dem Weltlichen den Rücken kehren

Vor der Welt fliehen bedeutet etwas anderes als dem Weltlichen den Rücken zu kehren. Rama ist nicht von Armut geplagt, sondern er ist Kronprinz und zukünftiger Thronnachfolger.

In seinem Leben ist alles richtig gelaufen. Er hat das erdenklich Beste in seinem Leben genossen. Er ist jung, gesund und berühmt. Rama hatte keinen Grund vor der Welt zu flüchten. Rama zeigte keinerlei Interesse an Reichtum oder Ritualen. Er fühlt sich an nichts gebunden und von nichts abhängig. Sind alle Bedürfnisse erfüllt und ist trotzdem eine Leere zu spüren, dann wendet sich der spirituell Suchende von der Welt ab. Diese Abkehr von der Welt und allen weltlichen Dingen ist eine wesentliche Voraussetzung für die Erleuchtung.

Rama ist ein Adhikari, ein wahrhaft Suchender. Er erlangte seine leidenschaftslose Haltung durch Beobachtung und Kontemplation. Diese Form der distanzierten Betrachtung der Welt ist der Einsicht, die durch äußere Umstände und Enttäuschung über die Welt erzwungen wird, weit überlegen.

Neti, Neti: DAS oder gar nichts

Rama erläutert die Gründe, die ihn dazu bewegten, sich von der Welt abzuwenden. Er analysiert systematisch alle Aspekte des Lebens und verneint einen nach dem anderen als Quelle des Glücks. Dies ist der vedantische Prozess der Negation: "Neti, neti."  Also "DAS oder gar nichts." Rama argumentiert wie folgt:

  • Reichtum erfüllt nicht; es erzeugt ein Verlangen nach mehr.
  • Jeder sehnt sich nach einem langen Leben (Ayus), aber dieses ist voller Leid.
  • Alles Leiden dreht sich um Ahamkara oder das Bewusstsein der Individualität.
  • Chitta oder der Geist ist ständig unzufrieden und wird jeden Tag unruhiger.
  • Kama oder Lüste und Begierden treiben uns in den Wahnsinn und sind niemals zu befriedigen.
  • Der Körper, für manche ein Quell der Freude, ist ein Hort der Krankheit, psychischer Belastung und sich stets ändernder Gefühle.
  • Kindheit, von manchen als glückselige und unschuldige Zeit angesehen, ist geprägt von Hilflosigkeit, Dummheit, Unfähigkeit sich selbst auszudrücken, Abhängigkeit von anderen und sich verändernden Stimmungen.
  • Die Jugend ist eine Lebensphase, die durch Lust und Leidenschaft vereinnahmt wird.
  • Im Alter ist der Körper schwach und unfähig Wünsche zu erfüllen, doch diese gedeihen weiter und es ist zu spät seinem Leben einen Sinn zu geben.
  • Der Tod ist unausweichlich und keiner ist Herr über die Zeit.
  • Hinter den trügerischen Freuden von Samsara oder dem weltlichen Leben warten die Klauen des Todes.

Rama´s Gründe für die Abkehr von der Welt stehen auf einer soliden Grundlage von Beobachtung, Erfahrung und logischem Denken. Es ist nicht lediglich eine momentane oder vorübergehende Laune.

Fazit des 1. Kapitels der Yoga Vasishtha

Durch scharfsinnige Beobachtung und klare Begründung kommt Rama zu der Überzeugung, dass die Wege des Samsara, bzw. der Welt nicht für ihn bestimmt sind. Dennoch ist er ehrlich und aufmerksam genug gegenüber sich selbst um zuzugegben, dass er nicht erleuchtet und fern von Weisheit ist. Dies ist ein wichtiger Schritt für einen Suchenden. Nachdem er sich der Welt abgewandt hat, sucht der wahrhaft Suchende die Begleitung von Heiligen und erleuchteten Meistern um deren Rat zu erhalten. Dies ist nicht das Ende der Reise. Es ist in Wirklichkeit nur der Anfang der Reise, die zur Meisterschaft über sich selbst führt.

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