Die Yoga-Matte einmal berühren zählt schon!

Ein Pladoyer für sanfte Disziplin im Yoga. Tapas bedeutet Disziplin.

Als Schriftstellerin habe ich mich mit dem Schreiben über Jahre hinweg abgemüht. Bitte nicht falsch verstehen - ich liebe das Schreiben, aber als ich mich hinsetzte um etwas zu Papier zu bringen, wollte mein Geist einfach etwas anderes machen: essen, fernsehen oder einfach mit Freunden telefonieren. Eines Tages dann las ich etwas über einen berühmten Schriftsteller, Stephen Spender. Einer seiner Bewunderer fragte ihn, wie er es bloß immer schaffe, so konsistent auf hohem Niveau zu schreiben. Stephen antwortete: "Um 9 Uhr morgens achte ich darauf, inspiriert zu sein".

Ja, wie soll das denn bitte schön gehen, dachte ich mir. Doch der Ansatz beschäftigte mich und ich überlegte mir: "Wenn das für Stephen funktioniert, wieso dann nicht auch für mich?" Also setzte ich mich pünktlich jeden Morgen um 9.00 Uhr an meinen Schreibtisch und fing an zu schreiben.  

Der Geist liebt die Routine

Und immer noch, zwanzig Jahre später, findest du mich um 9.00 Uhr morgens an meinem Schreibtisch, die Finger über die Tastatur huschend und mein Blick auf den Bildschirm gerichtet.

Über Disziplin haben sich bereits viele Leute ausgelassen und jetzt mal ehrlich: wer mag dieses Wort schon. Mit Disziplin wird oft militärischer Drill verbunden. Aber eigentlich ist Disziplin sehr dynamisch, flexibel und macht sogar Spaß. Im Kern geht es einfach nur darum neue Gewohnheiten zu schaffen. Der Geist liebt die Routine und Routine hilft dir dabei, deinen Geist in den Griff zu kriegen. Und genau aus diesem Grund denke ich um 9.00 Uhr morgens nur an eins: richtig, schreiben!

Aber jetzt muss ich doch etwas gestehen. Obwohl ich mich jeden Morgen an meinen Schreibtisch setzte, habe ich nicht immer etwas geschrieben. Manchmal war mir überhaupt nicht nach Schreiben zumute und ich versprach meinem Geist: "O.k., wenn du nicht schreiben willst, dann lass es einfach". Ich nutzte die Zeit um etwas zu editieren, was ich bereits geschrieben hatte oder ich recherchierte etwas, was ich später schreiben wollte. Und manchmal war mir selbst all das zu viel. Ich war geduldig mit mir, denn auf Kämpfe mit mir selbst hatte ich gar keine Lust. Meine Regel war einfach: neue Ideen entwickeln zählt - Computer einschalten zählt - und mein lieber Geist, wenn auch das noch zu viel ist, dann zählt bereits das Berühren der Tastatur!

Wieso alles zählt

Mit deinem Geist zu kämpfen, ist ziemliche Zeitverschwendung; stattdessen empfehle ich dir, deine Erwartungen an dich selbst herunter zu schrauben. Allzu häufig erwarten wir nicht nur zu viel von anderen, sondern eben auch von uns selbst. Und dabei tun wir uns weh ohne es überhaupt zu merken. Trainiere deinen Geist sanft und nicht mit Gewalt. Mit Gewalt erreichst du gar nichts, sondern stärkst nur Bilder in deinem Kopf von Gewalt gegenüber dir selbst.

Wenn wir mit Yoga starten, dann sind wir voller Enthusiasmus. Wir laden uns ein volles Programm auf - zu viele Körperübungen, langes Sitzen in Meditation und ein vollgepackter Tages- oder Wochenplan übersäht mit Yoga. Der untrainierte Geist fängt dann automatisch an zu rebellieren und es kommt der erste Tag, an dem wir gar nichts tun, dann der zweite und dritte, und so weiter, bis wir plötzlich alle Begeisterung vergessen haben und nichts mehr tun - gar nichts.

Führe deinen Geist sanft zu einer neuen Gewohnheit. Lege eine Zeit fest und dann halte dich daran, egal was passiert. Führe kurze Übungen durch und steigere diese dann kontinuierlich. Wenn dir nicht nach Üben ist, dann lasse es einfach. Das Berühren der Yoga-Matte zählt bereits!

Der wahre Geist der Disziplin

Diese sanfte Methode kannst du sowohl dazu nutzen, dir gute Gewohnheiten anzugewöhnen, aber auch um dir schlechte Gewohnheiten abzugewöhnen. Wichtig ist eins: übernimm dich nicht und bürde dir keine Vorsätze auf, die du sowieso nicht einhalten kannst. Take it easy – gehe behutsam mit dir um. Wenn du Fehler machst, korrigiere diese sanft und bedächtig und verurteile dich nicht vorschnell; wir sind Menschen und wir alle machen Fehler. Vergib dir und fange von vorne an.

Der wahre Geist der Disziplin hilft dir, jede Situation in deinem Leben richtig zu begegnen. Mit Flexibilität wirst du dir dein eigenes Übungsprogramm erschließen, welches am besten zu deinen Lebensumständen passt. Erst wenn Herz und Verstand wirklich zusammenfinden ergibt sich daraus der wahre Geist der Disziplin.

Comments:

Margit Glockner from Darmstadt:
Sehr einfühlsame Worte über Disziplin ... sanft bleiben und doch sein Ziel nicht
aus den Augen verlieren ...

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