Pratyahara und Raja Yoga

Der Wagenlenker ist die innere Stimme der Weisheit

Raja, der königliche Yoga-Pfad besteht aus acht Gliedern. Eines dieser Glieder, Pratyahara, wird hier in einer besonderen und zugleich aufschlussreichen Art und Weise erklärt.

Wenn wir während der Meditation in den klassischen meditativen Haltungen Sukhasana, Swastikasana oder Siddhasana unsere Aufmerksamkeit auf den Atem richten, tun wir dies, um unsere Gedanken zu sammeln und nach innen zu gehen.

Doch statt eines stetigen, ruhigen Geistes, erfahren wir einen Geist, der abgelenkt und frustriert ist. Dies rührt daher, dass zwischen dem Atem und dem Geist die ungezähmte Welt der Sinne liegt.

Pratyahara wird oft als "Zurückziehen der Sinne" übersetzt. Viele Suchende in der heutigen Zeit sind nicht in der Lage, dies zu begreifen. Ist dies nun die wahre Bedeutung oder nur eine unzureichende Übersetzung?

Nahrung, die die Sinne stimuliert

Das Wort Pratyahara ist eine Kombination von zwei Wörtern: Prati und Ahara . Prati bedeutet "im Gegensatz zu, gegen". Es ist vergleichbar mit dem englischen Präfix "anti". Ahara bedeutet "Nahrung". Pratayahara bedeutet also "dass, was gegen die Nahrung ist". Was ist diese Nahrung, dem sich die Yogis widersetzen? Es ist die Nahrung, die die Sinne stimuliert.

Die Sinne beliefern den Geist mit Reizen, die den Denkprozess stimulieren. Der Geruchssinn, zum Beispiel, ist ein starker emotionaler Stimulator. Der Geruch von feuchter Erde bringt eine Reihe von Gefühlen hervor, während der Geruch von Müll Abneigung und andere negative Gedanken erzeugt. Bereits der Hauch eines Parfum-Duftes kann unseren Geist mit der Erinnerung an einen alten Freund überfluten.

Die Sinne haben ihre eigenen Gewohnheiten, die sich über die Jahre hinweg entwickelt haben und die den Geist stets nach außen ziehen. Mit Einsicht und Übung können wir den Sinnen helfen, alte Gewohnheiten abzulegen. Wir können dies tun, indem wir zuerst die subtilen Aspekte der Sinne studieren um dann schrittweise ihrer Herr zu werden.

Indriyas : Die 5 kognitiven Sinne und die 5 Handlungsorgane

Die Indriyas sind die 5 kognitiven Sinne sowie die fünf Handlungsorgane. Durch die kognitiven Sinne nehmen wir Daten von außen auf und mit den Handlungsorganen kommunizieren wir mit unserer Umwelt.

Die 5 kognitiven Sinne sind: 

  • Sehen
  • Hören
  • Riechen
  • Schmecken
  • Berühren

Die 5 Handlungsorgane sind:

  • Reden
  • Fortbewegung
  • Greifen
  • Fortpflanzung
  • Ausscheidung

Wie die 10 Indriyas interagieren

Der Tastsinn ist eine der subtilsten und gleichzeitig einer der dominierendsten Indriyas. Der Tastsinn kann von uns als Gefühl erlebt werden. Wir sind "berührt", wenn uns jemand etwas schenkt. Der Tastsinn sorgt auch dafür, dass wir uns fortlaufend mit unserem Körper identifizieren. Auf einer anderen Ebene stimulieren die Gewohnheiten des Tastsinns das Organ der Fortpflanzung. Und während es in erster Linie ein kognitives Sinnesorgan ist, fungiert es als Handlungsorgan, wenn wir uns durch Körpersprache ausdrücken.

Zwei wichtige Indriyas sind die der Sprache und des Hörens, die sich gegenseitig ergänzen. Hier treffen sich die Handlungsorgane und die kognitiven Sinne; wir können nicht deutlich sprechen, wenn wir nicht in der Lage sind, zu hören. Diese beiden Sinne sollten wir aufmerksam untersuchen, wenn wir uns auf die Reise nach innen begeben, denn unsere Gedanken werden durch die subtilsten Aspekte des Sprachorgans ausgedrückt und diese werden dann durch das innere Ohr "gehört". Die Bemühungen, unseren Geist einpunktig zu machen, bedeutet in Wirklichkeit das Geschwätz unseres Geistes zu beruhigen und uns der inneren Stille zuzuwenden.

Im Yoga führt das Nicht-Bewegen zur Stille. Eine Person mit einem starken Bewegungsdrang kann unruhig und zappelig sein. Die Fortbewegung bedeutet hier nicht nur das eigentliche Bewegen. Wir bewegen unsere Hände, unsere Augen suchen umher, die Zunge spricht, die Lippen lächeln, die Augenbrauen ziehen sich zusammen, sogar unsere Aufmerksamkeit und Gedanken bewegen sich ständig. Somit ist jede Bewegung Ausdruck der Sinne und ist eigentlich eine Form von Sprache. Ein Lächeln ist Kommunikation. Augenkontakt ist Anerkennung. Denken ist Handeln und Handeln ist Denken. Schenke allen Bewegungen große Aufmerksamkeit, innen und außen.

Die Hände sind ein Symbol für das Organ des Greifens. Was machen die Hände? Sie halten und greifen.  

Wir "greifen" sogar nach Dingen mit unseren Augen, wenn wir z.B. einen geliebten Gegenstand sehen. Greifen ist ein geistiger Zustand. Wenn wir an einem Gedanken oder einem Gefühl festhalten, dann "greifen" wir danach. Wir können es auch als Anhaftung bezeichnen. Die Verbindung zwischen dem Organ des Greifens und dem Organ der Ausscheidung ist sehr interessant. Nur wenn wir aufhören, nach Dingen geistig zu "greifen", können wir Giftstoffe, wie z.B.  schmerzhafte Gedanken und Gefühle von unserem Geist befreien. Die Indriya des Greifens manifestiert sich besonders in steifen und verspannten Muskeln. Wir erkennen, dass der Körper tatsächlich Teil des Geistes ist, lediglich in einer gröberen Form.

Das Organ der Fortpflanzung drückt sich in unterschiedlicher Weise aus. Der Drang eine perfekte Mahlzeit zuzubereiten oder einen Roman zu schreiben rührt von diesem Organ her. Tatsächlich ist jeder Drang sich auszudrücken eine Form von Sprache und ist auf dieses primitive Organ zurückzuführen. Verlangen, Gedanken und Gefühle sind kreative Handlungen. Wir sehen also, dass alle Sinne miteinander verbunden und verknüpft sind.

Dies führt uns zu der Erkenntnis, wie ein kognitiver Sinn unsere Persönlichkeit beeinflusst und  letztlich daraus ein Verhaltensmuster entsteht, welches unser Handeln direkt beeinflusst.

Indriyas und Manas

Wenn wir beginnen, die feineren Aspekte der Indriyas schätzen zu lernen, wird schnell klar, dass auch eine starke Verbindung zwischen dem Geist und den Sinnen existiert. Manas, der niedere Geist steuert direkt die Sinne. Manas, welcher idealerweise die 5 kognitiven Sinne und die fünf Handlungsorgane koordinieren sollte, wird stattdessen von den 10 Indriyas hin und her gerissen.

Schauen wir uns mal an, wie das geschieht. Unser Sehorgan, die Augen, entdecken ein Stück Kuchen. Diese Informationen gelangt zu unserem Geist und schon verlangt die Zunge nach dem Kuchen. Die Zunge, auf die wir uns hier beziehen, ist nicht das physische Organ, sondern der Ursprung im Geist selbst. Ein untrainierter und von der Gnade der Sinne abhängiger Manas, instruiert die Handlungsorgane, das Stück Kuchen zu essen. Das Organ der Fortbewegung, welches Teil unseres Geistes ist, bewegt die Beine, die Hände greifen nach dem Stück Kuchen und schließlich schluckt der Mund es herunter. Hier sehen wir, wie das Sehorgan mit dem Geschmackssinn, den Bewegungsorganen und dem niederen Geist, Manas, verbunden ist.

Buddhi: der höhere Geist und Quelle der Intuition

Das vorherige Beispiel beschleicht uns mit einem Gefühl der Ohnmacht und einem einem Mangel an Kontrolle und Orientierung. Die Entscheidung, den Kuchen zu essen, wurde nicht sorgfältig abgewogen: "Bin ich hungrig? Muss ich Kuchen essen? Soll ich es jetzt essen? Kann es nicht warten?"

Wer unterscheidet, wer beurteilt und wer entscheidet? Wer soll Manas führen? Idealweise sollte das Buddhi sein, der höhere Geist.

Unachtsames oder impulsives Handeln sind das Ergebnis eines undisziplinierten Manas. Solch eine Person ist von den Gewohnheiten der Sinne abhängig. In der berühmten Metapher aus der Kathopanishad symbolisieren die 5 Pferde die 5 kognitiven Sinne, die Zügel der Pferde stehen für Manas und Buddhi ist der Wagenlenker. In der Bhagvadgita ist Sri Krishna der Wagenlenker und symbolisiert Buddhi, die innere Stimme der Weisheit. Pratyahara bedeutet daher auch die Verfeinerung von Buddhi.

 

 

 

Pratyahara : Manas wird trainiert um der inneren Stimme der Weisheit zu folgen

Wenn wir unsere Sinne untersuchen, führt uns dies schrittweise zu tieferen Einsichten in die Natur unseres  Geistes und der Sinne und deren Gewohnheiten. Wenn wir uns selbst beobachten, erfahren wir eine Menge über die Angewohnheiten unserer Sinne. So erfahren wir vielleicht, das wir eine sinnliche Natur haben oder einfach zu viel reden. Sei sanft im Umgang mit dir selbst. Verurteile dich nicht, tue dir nicht selbst weh mit Schuldzuweisungen oder anderen selbstabwertenden Gefühlen. Das hilft dir überhaupt nicht. Sobald du die Gewohnheiten von Manas und deiner Sinne kennst, diszipliniere sie sanft und mit Verständnis und überzeuge sie, Buddhi zu folgen.

Bei Pratyahara geht es wirklich nicht darum die Augen zu schließen, Watte in die Ohren zu stecken und uns zu zwingen, still zu sein. Es soll keine starre, kompromisslose und unangenehme Aufgabe sein. Der Prozess, der zu Pratyahara führt, erfordert Aufmerksamkeit gegenüber unseren Gedanken, Handlungen und Sinnen und wie diese zusammenspielen. Es ermöglicht uns, intelligente Entscheidungen basierend auf unseren Beobachtungen zu treffen und verfeinert unser Buddhi. Es erhöht unsere Wachsamkeit gegenüber negativen Denkmustern. Dies ist Svadhyaya oder auch Selbststudium. Wenn wir behutsam mit den Gewohnheiten der Indriyas arbeiten, üben wir Ahimsa und Tapas. Wenn die kognitiven Sinne, die Handlungsorgane und Manas geschult sind und Buddhi folgen, dann praktizieren wir wirklich Pratyahara und sind in der Lage, zu den tiefsten Ebenen des spirituellen Bewusstseins vorzudringen.

 

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