Yamas und Niyamas: Vermittlung von Werten im Raja Yoga

Werte sind die Grundlage eines ausgewogenen Lebens

Die Vermittlung von Werten während einer Asana Übungsreihenfolge erhebt diese von bloßer Gymnastik zu einer tiefgreifenden spirituellen Wissenschaft.

Yamas, die 5 Betrachtungen und Niyamas, die 5 Weisungen, umfassen die ethischen Aspekte von Raja, dem königlichen Weg im Yoga. Sie bilden ein starkes moralisches und ethisches Fundament. Wichtig ist, mit ihnen zu experimentieren, so dass wir unsere Verhaltensmuster, unsere sozialen und kulturellen Werte und unsere innere Natur verstehen. Experimentieren bedeutet, diese hohen Ideale und Werte in unserer Entscheidungsfindung zu nutzen und zu versuchen, innere und äußere Konflikte damit zu lösen.

Das Arbeiten an den Yamas (Betrachtungen) und den Niyamas (Weisungen) bedeutet einfach, eine starke Persönlichkeit aufzubauen. Dies ist ein subtiler Bereich. Aber der Körper ist viel grobstofflicher und wir können uns einfacher damit identifizieren. Dies ist auch genau der Grund, warum viele sich auf den körperlichen Aspekt konzentrieren wollen: die Asanas.

Die grobstoffliche Qualität des Körpers kann uns effizient dabei unterstützen, an den subtileren Yamas und Niyamas zu arbeiten. Da unsere Einstellung zu den Asanas unsere Werte und tief verwurzelten Erfahrungen widerspiegelt, kann der Körper als Instrument genutzt werden, um in die innersten Tiefen unseres Geistes vorzudringen.

Yamas: Die 5 Betrachtungen

Ahimsa

Gewaltlosigkeit, nicht verletzen, Respekt

"Gewalt bei Asanas? Was für ein Unsinn!" sagst du. Denk noch einmal drüber nach. Wie oft tun wir uns weh, wenn wir uns in Körperhaltungen dehnen, die über unsere Fähigkeiten hinausgehen? Immer dann, wenn wir unseren Körper überlasten, schaden wir bspw. unserem Rücken und überdehnen unsere Muskeln. Was mag wohl der geistige Zustand einer Person sein, die sich zwingt, doppelt so viel Luft in ihre Lungen aufzunehmen, als sie eigentlich verkraftet? Solche Aggressivität ist nichts anderes als Gewalt am eigenen Körper und Geist. Diese Gewalt ist kontraproduktiv. Eine Muskelzerrung oder ein angespannter Rücken verlangt Ruhe und am Ende fängst du wieder von vorne an. Dies gilt für jedes gewaltvolle Handeln, welches eigentlich den Weg verkürzen sollte, aber in Wirklichkeit vom Ziel wegführt. Sei behutsam zu deinem Körper und sanft zu dir selbst.

Satya

Wahrheit, Authentizität, Transparenz, Nicht-Täuschung, Ehrlichkeit, Selbstwahrnehmung

Satya arbeitet im Einklang mit Ahimsa. Bevor du verhinderst, dass du deine Grenzen überschreitest, solltest du zunächst zu einer ehrlichen Selbsteinschätzung gelangen. Es ist in Ordnung, wenn du deine Zehen nicht berühren kannst. Wenn deine Hände nur zum Knöchel, zu den Waden oder Knien kommen, ist das okay; sei mit allem zufrieden. Das Wichtigste ist, auf deinem Level zu beginnen. Wenn du das nicht tust, gerätst du in Versuchung,  deine Zehen für den Bruchteil einer Sekunde zu berühren und dann schnellst du wieder nach oben. Dann sagst du dir: "Siehst du, ich kann meine Zehen berühren". Aber das hält nur für einen Moment. Wenn du deine Grenzen durch Selbsttäuschung oder Nicht-Akzeptanz der Realität überschreitest, können Muskelkontraktion und Schmerzen die Folge sein. Dann machst du zwei Schritte zurück statt einen Schritt nach vorn. Passiert das nicht auch, wenn du einfach nur lügst? Du kommst vielleicht kurzfristig davon, aber wenn sich Lüge auf Lüge wiederholt, dann bist du bald gefangen in deinem eigenen Netz von Täuschung. 

Asteya

Nicht-Stehlen

Dies ist ein äußerst wichtiges Yama (Betrachtung) bei der Durchführung von Asanas. Wenn der beste deiner Mitschüler in der Asana Klasse in der Kopf zu Knie Stellung seinen Kopf zwischen die Knie führen kann, dann willst du das auch. Aber was passiert, wenn du es versuchst? Autsch! Du hast dir eine Position angeeignet, die dir nicht gehört und du hast die Werte von Ahimsa und Satya missachtet. Stelle dir folgende Frage: "Warum habe ich dieses Bedürfnis, mir die Haltung jemand anderes anzueignen?" Schau dir deine Gefühle und Gedanken genau an: geht es um Konkurrenz, um ein Bedürfnis, anzugeben oder steckt dein mächtiges Ego dahinter?

Brahmacharya

Selbstbeherrschung und Gleichgewicht, Nachhaltigkeit, Verantwortung, Bescheidenheit

Wenn wir uns still hinsetzen und unseren Atem beobachten, was geschieht dann eigentlich in unserem Geist? Wir merken sehr schnell, dass das nicht so einfach ist. Wir sind durch eine Vielzahl von externen Eindrücken abgelenkt. Wir fangen an zu verstehen, welche Macht die Sinne haben und wie wenig Kontrolle wir über unseren eigenen Geist haben. Diese Betrachtung arbeitet Hand in Hand mit der Weisung von Tapa (Schulung des Geistes). Wir müssen unsere Einstellung allmählich stärken, ohne Zwang oder Gewalt, und mit Einsicht, d.h. Satya. Tägliche Übung allein hilft dir bei der Kultivierung von Brahmacharya.

Aparigraha

Nicht anhäufen, keine Besitzgier, Einfachheit, Weniger ist mehr

Die meisten von uns sind abhängig von Ergebnissen. Wir beeilen uns, eine Haltung zu meistern. Wir kämpfen mit unserem Körper und Geist und sind besessen von der Idee, dass in Bhadrasana unsere Knie den Boden berühren müssen. Wir sind angespannt und verbrauchen zu viel Energie. Lass einfach los, das Gewicht der Beine wird die Knie von alleine näher zum Boden bringen. Genieße die Asana, lebe mit voller Körperwahrnehmung im Augenblick. Der Atem ist hierbei ein wichtiges Werkzeug, welches wir verwenden können. Wenn wir unseren Atem "loslassen", also Ausatmen, entspannen wir. Spannung löst sich vom Körper und wir können uns besser bewegen, drehen und weiter in eine Haltung strecken. Diese Haltung des Loslassens der Ergebnisse und die alleinige Konzentration nur auf die Handlungen funktioniert immer und in allen Aspekten unseres Lebens.

Niyamas - Die 5 Weisungen

Saucha

Reinheit, Sauberkeit

Saucha bedeutet nicht nur Sauberkeit des Körpers. Es betrifft auch die Reinheit des Geistes. Es ist wichtig, Asanas mit der richtigen Einstellung zu üben, und zwar nicht, um sich mit anderen zu messen, aus Egoismus heraus oder um anzugeben. Eine Wettbewerbshaltung verstärkt nur die ungesunden Verhaltensmuster des Geistes. Ein reiner Geist wird allmählich den yamas (Betrachtungen) folgen. Werde dir frühzeitig der rastlosen Natur des Geistes und der eigensinnigen Gedanken gewahr, auch wenn es dir zunächst nicht gelingen wird, die wilde Natur deines Geistes zu zähmen.

Santosha

Zufriedenheit, Behagen

Du fragst dich: "Wenn ich zufrieden bin, wie soll ich dann jemals eine Asana perfektionieren?" Unser moderner Lebensstil hat unsere Haltung zu Asanas infiziert: je mehr, desto besser. Sei zufrieden mit Weniger, beherrsche ein paar einfache Asanas und diese werden dir mehr nützen als unzählige schnell ausgeführte Asanas. Übe die wenigen Asanas mit voller Aufmerksamkeit und die richtige Einstellung wird folgen. Wenn du geduldig bist werden sich Änderungen auf der tiefsten Geistesebene einstellen. Ein Mangel an Zufriedenheit führt nur dazu, dass du dich unter Druck setzt und das führt zu Schmerzen, die zu Angst und Spannung führen, eigentlich genau das, was wir zu vermeiden suchen. Es gibt keine feste Anzahl von Asanas, die geübt werden sollten, aber wenn du körperlich und geistig erschöpft bist, hast du zuviel geübt.

Tapa

Selbsttraining, Training der Sinne und des Geistes, Disziplin

Hinsichtlich der Asanas bedeutet Tapa, ein wenig Schmerz zu ertragen. Dies mag im Gegensatz zu Ahimsa stehen, ist es aber nicht. Der Schmerz hier ist nicht destruktiv und selbstzerstörerisch, sondern vielmehr konstruktiv und positiv. Entwickle deine Asana Praxis behutsam, fange mit einfachen Asanas an. Gehe dann zu einfachen Variationen über und fahre fort mit weiter fortgeschrittenen Übungen. Schmerz sollte immer erträglich sein und nicht überwältigend. Nimm den Schmerz ganz bewusst war und ignoriere ihn nicht. Arbeite mit den Hindernissen und werde dir deiner Blockaden und Schwächen gewahr.

Tapa kann auch im "Durchhaltevermögen" entwickelt werden. So kannst du bspw. deine Zeit in Meditation (dhyana) schrittweise erhöhen.

Svadhyaya

Selbstreflexion, Selbstbewusstsein, Studium, Kontemplation

Svadhayaya bedeutet, durch die verschiedenen Wege des Yoga, Kontemplation und Reflexion über die Weisheit der Schriften das Höchste zu erlernen.

Auf einer grundlegenderen Ebene geht es einfach um das Bewusstsein. Selbst wenn du gewalttätig gegenüber dir selbst bist, tue es zumindest mit dem Bewusstsein: "Ich tue mir weh und ich bin bereit, die Konsequenzen meiner eigenen Handlungen zu tragen." Nutze dieses Bewusstsein, um an allen Betrachtungen und Weisungen geduldig und verständnisvoll zu arbeiten.

Ishwar Pranidhana

Hingabe, Leichtigkeit, Anmut, Demut

Wenn wir so viel Mühe verwandt haben auf die Arbeit mit den Yamas und Niyamas, auf Asanas, auf den Körper und auf den Geist, dann kommt eine Zeit, wenn das Bemühen aufhört. Es kann sich bspw. nach einer Asana Sitzung einstellen, wenn du dich angenehm müde fühlst. Jetzt ist die Zeit, sich hinzugeben und einfach los zu lassen. Dies spürst du in der Regel in der Totenstellung (Savasana), Krokodilstellung (Makarasana) oder Yoga Mudra. Wenn du aufhörst, nach etwas in den Asanas zu streben, dann hast du den Schlüssel zur Meisterschaft gefunden: Mühelosigkeit oder wie es in den Yoga Sutren von Patanjali heißt: "Sthir sukham Asanam".

Das filigrane Gewebe eines neuen Werteverständnisses 

Yamas und Niyamas sind wie ein Strickpullover; ziehe an einem Faden und der ganze Pullover löst sich auf. Es ist nicht möglich, eine der Yamas oder Niyamas isoliert zu betrachten, sie sind alle miteinander verbunden.

Wenn du Asanas mit dieser neuen Einstellung angehst, wird die Durchführung von Asanas zu einer Betrachtung der Yamas und Niyamas. Bewahre dir dein Bewusstsein (Svadhyaya), und die Definition von Ahimsa, Satya, usw. wird sich für dich verändern. Allmählich wird sich dieses Verständnis auf andere Bereiche deines Lebens auswirken. Wenn du lernst, wann du dir in den Asanas einen kleinen Schubs (Tapa) geben oder wann du einfach loslassen solltest (Ishwar Pranidhan), dann wird diese wunderbare Fähigkeit auch in andere Bereiche deines Lebens fließen. Mit Sicherheit wird dein Körper flexibler werden, aber was viel wichtiger ist, dein Geist wird flexibler sein!

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