Ursprung und Geschichte des Yoga Teil 2

Sir John Woodroffe

Yoga hat seinen Ursprung im Mystizismus, hat sich aber mit der Zeit zu einer vollständigen Wissenschaft entwickelt. Heute ist es eine weltweite Bewegung.

Da sich die hinduistischen Denker nicht mit der Vergangenheit befassten, sind die einzigen historischen Aufzeichnungen, die wir haben, die von persischen, chinesischen und griechischen Gelehrten. Das meiste, was wir über die Geschichte von Yoga und hinduistischem Denken wissen, wurde aus den Erzählungen dieser Reisenden und aus traditionellen Geschichten und Legenden herausgefiltert.

Ab 500 v. Chr. entwickelte sich Yoga zur Alternative zum vedischen Zeremonienwerk. Dramatische Entwicklungen im Yoga fanden in den darauffolgenden Jahrhunderten außerhalb der hinduistischen Gesellschaft, in Wald-Einsiedeleien und Höhlenklöstern statt.

Während das Jain-Dharma wegen seiner strikten Einhaltung des Grundsatzes der Gewaltlosigkeit eine Minderheit blieb, fegte das buddhistische Dharma durch das hinduistische Heimatland. Der unglaubliche Aufstieg des buddhistischen Dharma und der Brauch, sich an dialektischen Debatten zu beteiligen, führten sowohl die Buddhisten als auch die Yogis dazu, von ihren mystischen Höhen herunterzukommen. Die vedische Methode der Kontemplation und des Lernens befriedigte nicht mehr die wissenschaftlichen und intellektuellen Neigungen dieser neuen Generation. Es wurde notwendig, eine Fachsprache zu entwickeln, um spirituelle und mystische Erfahrungen zu kommunizieren und zu übertragen.

Patanjali und das goldene Zeitalter des Yoga

Patanjali, der Autor der Yoga-Sutras, wird irrtümlicherweise häufig als der Gründer von Yoga bezeichnet. Von dem legendären Weisen Patanjali ist wenig bekannt. Während traditionelle Quellen behaupten, dass er um 500 v. Chr. gelebt haben könnte, neigen buddhistische und westliche Gelehrte dazu, die Yoga-Sutras auf etwa 200 n. Chr. zu datieren. In diesem großen Werk fasst Patanjali die technischen Aspekte der Yoga-Tradition zusammen. Die Yoga-Sutras, bestehend aus 196 aphoristischen Aussagen, sind eine unverzichtbare Lektüre für alle ernsthaften Schüler des Yoga.

Die Entstehungsgeschichte von Hatha und Tantra Yoga

Im Laufe der Jahrhunderte arbeiteten viele Adepten daran, Yoga zu einem System von Techniken zu entwickeln, das mit Geist, Atem und Körper arbeitete. Während die Weisen der vedischen Weisheitslehre kein Interesse am Körper hatten, erforschte diese neue Gesinnungslinie der Meister die verborgenen Potentiale des Körpers, stellte seine Energiekanäle dar und kartierte dieses komplexe Mikrouniversum für die künftigen Praktizierenden. Die einzigartigen und hoch entwickelten Pfade des Tantra Yoga und seiner Ableger (Hatha, Kundalini und Laya Yoga) wurden geboren.

Das erste Jahrtausend n. Chr. hatte also eine derart faszinierende Verfeinerung des yogischen Denkens mit sich gebracht, dass Yoga den Anspruch erheben konnte, eine vollständige Wissenschaft zu sein. Yoga, mit seinen Anfängen in der Mystik, ist inzwischen eine ausgereifte Wissenschaft für sich.

Shankara und die Große Spirituelle Renaissance

Bereits um 800 n. Chr. ist der buddhistische Dharma so drastisch zurückgegangen, dass er aus seinem Heimatland nahezu verschwand. Ein möglicher Grund dafür dürfte die große Anzahl buddhistischer Mönche und Nonnen gewesen sein, die von der Gesellschaft nicht mehr versorgt werden konnten. Der Jain Dharma auf der anderen Seite, war auf eine kleine Minderheit beschränkt, wegen der Strenge seiner Praktiken. In diesem Umfeld hat der rituelle Brahmanismus seine Autorität und Macht wiedererlangt.

Während dieser spirituellen Turbulenzen erneuerte der große Meister Gaudapada mit seinem Kommentar über das Mandukya-Upanischad die monistischen Lehren der Upanischaden. Sein Schüler Govinda war der Lehrer von Shankara. Shankara, der große Tantrik, Yogi, Philosoph, Dichter und Mystiker, reiste durch das Land und forderte zahlreiche Brahmanen zu Debatten heraus, die dann oft tagelang andauerten. Er bekehrte seine Gegner zu asketischen Anhängern der vedantischen Philosophie. Seine Lehren dominieren seitdem das geistige Leben in Indien. In seinem kurzen Leben von 32 Jahren hinterließ er eine bleibende Spur von Advaita (nicht-dualistische Philosophie) und wurde als Adi, der erste unter allen Archaryas (Lehrer) bekannt.

Shankaras Kommentare zu den zehn wichtigsten Upanischaden und anderen vedantischen und tantrischen Texten haben aufgrund der subtilen und tiefgründigen Ideen, die sie enthalten, Berühmtheit erlangt. Der Einfluss von Shankara war so groß, dass wir, wenn wir von der vedantischen Philosophie sprechen, die Advaita-Philosophie von Shankara meinen.

Es sei hier darauf hingewiesen, dass Shankara als ein heimlicher Buddhist betrachtet wurde. Wissenschaftler finden viele Ähnlichkeiten zwischen seinen Lehren und denen des buddhistischen Dharma. Seine Tendenz zu Debatten und die Reorganisation der hinduistischen Mönchsorden hätte auch von den Buddhisten übernommen worden sein können. Dies bestätigt unsere frühere Aussage, dass der Hindu-, Buddhisten- und Jain-Dharma voneinander entlehnt haben, um dadurch eine schöne, aber komplexe spirituelle Synthese zu schaffen.

Das finstere Zeitalter

In den Jahrhunderten nach Shankaras Reform setzte sich ein stetiger Rückgang in das rituelle Chaos des Brahmanismus fort. Aber um 1600 n. Chr. herum gab es eine gravierende Änderung.

Die Mogul-Invasoren, die neuen Herren des Landes, brachten ihre eigene Religion mit: Islam. Die neuen muslimischen Meister fanden heraus, dass es nicht einfach war, einen Hindu zu bekehren, der keine klar definierte Religion hatte. Die berüchtigte Jaziya-Steuer wurde auf Nicht-Muslime erhoben. Es folgten Bekehrungen zum Islam aufgrund politischer oder wirtschaftlicher Vorteile. In der Zwischenzeit verfolgten die Mogul-Herrscher die spirituellen Führer weiter und zwangen einen Großteil der Yoga-Tradition, in den Untergrund zu gehen. Viele Texte und Traditionen gingen in dieser Zeit verloren.

Eine neue Morgendämmerung des Yoga

Die Ankunft europäischer Händler und die fortschreitende Kolonisierung Indiens durch das britische Imperium brachte viele Veränderungen mit sich, die einen enormen Einfluss auf die Yoga-Tradition hatten. Während die Briten das Land wirtschaftlich ausbeuteten, wurde Indien für viele westliche Wissenschaftler, Akademiker und Intellektuelle erreichbar.

Die hinduistische spirituelle Tradition kam aus ihrem langen Exil heraus, und die Werte von Vedanta und Yoga erreichten viele entfernte Länder. Intellektuelle und Schriftsteller wie Schopenhauer und Hermann Hesse zeigten großes Interesse am vedantischen Gedankengut und an den spirituellen Werten des Yoga.

Wir sind vielen westlichen Gelehrten sehr dankbar, die die mühsame Arbeit der Sammlung und Übersetzung alter Sanskrit- und tamilischer Texte vollbracht haben. Zwei Namen gehen in die Geschichte ein für ihren unschätzbaren Beitrag zur Bibliothek der Menschheit: Max Mueller und Sir John Woodroffe. Sir John Woodroffe, der zunächst unter dem Namen Arthur Avalon schrieb, um sich vor dem Spott seiner Landsleute und der westlich orientierten intellektuellen Indianer zu schützen, wurde zu einem späteren Zeitpunkt in den Ritterstand erhoben.

In der Zeit der britischen Herrschaft in Indien waren zahlreiche Yoga-Meister aktiv. Prominente unter ihnen waren Raman Maharshi, Ramakrishna Paramahansa, Swami Yukteswar Giri und Anandamayi Maa.

Swami Vivekananda (ein Schüler Ramakrishna Paramahansas) war eine Brücke zwischen Ost und West. 1893 nahm Swami Vivekananda am Parlament der Religionen teil und hinterließ einen bleibenden Eindruck bei der amerikanischen Öffentlichkeit. In den folgenden Jahren reiste er viel und gewann zahlreiche Schüler für Yoga und Vedanta. Swami Vivekanandas großer Erfolg öffnete die Schleusen für andere Adepten aus Indien. Hervorzuheben unter ihnen ist Paramahansa Yogananda; seine "Autobiographie eines Yogis" ist ein echter Klassiker.

Die Bewegung der sechziger Jahre in Amerika und Europa brachte die Hippie-Generation und die Blumenkinder auf ihrer Suche nach Frieden nach Indien. Der Besuch der Beatles im indischen Ashram von Mahesh Yogi förderte dieses Interesse und machte Rishikesh zur spirituellen Hauptstadt des New Age.

Yoga, mit seinen bescheidenen Anfängen in Wald-Einsiedeleien der vedischen Zeit, ist inzwischen zu einer weltweiten Bewegung geworden.

Yoga heute

Das letzte halbe Jahrhundert hat interessante neue Entwicklungen gebracht. Die Begegnung mit westlichen Köpfen und der modernen Medizin hat Auswirkungen auf das Yoga gehabt.

Verwestlichte, gebildete Indianer, die wegen derer berühmten yogischen Kräfte und markanter Temperamente den Renunziaten generell skeptisch gegenüberstehen, zeigen nun Interesse am Yoga. Präsentiert im Gewand der Yoga-Therapie, wird diese partielle Form des Yoga als Allheilmittel für alle Missstände des modernen Lebensstils propagiert.

Im Westen ist Yoga als Körperkultur zum Kult geworden.

Viele Yogatraditionen mit ihren uralten Überlieferungen sind bestrebt, Yoga in seiner ganzheitlichen Form darzustellen. Der Schatz des Yoga wird bedingungslos allen gegeben, denn die Geschichte hat uns immer wieder gezeigt, dass die geistigen Bedürfnisse des Menschen nicht mit Ritualen zu befriedigen sind. Können denn diese spirituellen Bedürfnisse mit den partiellen Formen des Yoga gestillt werden?

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