Yoga und das indische Bewusstsein

Shiva, von unbekannte indischer Künstler

Yoga: ein Schatz für die gesamte Menschheit

Die Pracht Indiens, Heimat alter hinduistischer spiritueller Traditionen, zwingt den Fremden sich mit dieser scheinbar unerklärlichen Realität auseinanderzusetzen. Was fängt man bloß an mit dem hinduistischen Pantheon und dessen millionenfachen Gottheiten? Was bedeuten diese vielfältigen Formen und Avatare?

Hinter der götzenhaften Gottesverehrung und den Ritualen verbirgt sich allerdings eine erhabene Sicht der Welt, die typisch für Indien ist. Alle diese Formen stellen lediglich eine Sichtweise dar, die komplexe und allumfassende Wirklichkeit zu betrachten und verkörpern damit nur eine von vielen sich verändernden Formen des absolut EINEN. Aus diesem intuitiven Verständnis folgt die Erkenntnis: Alles ist EINS und jeder ist frei, die Form zu verehren und anzubeten, zu der er sich am ehesten hingezogen fühlt.

Woher rührt diese unglaubliche spirituelle Toleranz, bzw. Akzeptanz?

Das ewig und allgegenwärtige Jetzt

Man könnte geneigt sein in die indische Geschichte zurückzublicken um eine Antwort auf diese Fragen zu finden aber leider interessiert sich der indische Geist sehr wenig oder überhaupt nicht für Geschichte. Dies lässt sich auch an den indischen Sprachen festmachen, wo das gleiche Wort für Gestern und Morgen verwendet wird.

Der indische Geist bemüht sich um das Jetzt. Die Vergangenheit und die Zukunft werden so irrelevant. Historische Figuren werden zu Legenden und Mythen scheinen näher an der Realität zu sein. Daraus entstehen Geschichten und eine Mythologie, die tiefer reichen als historische Ergeignisse. Geschichten, die alte Erinnerungen wecken, sind ein integraler Bestandteil der verschiedenen Traditionen im Yoga, Vedanta und Tantra.

Die Tradition bringt die Vergangenheit und die Zukunft in der Gegenwart zusammen und zwar in der Form von Geschichten, die seit tausenden von Jahren überliefert wurden.

Die Hüter der Weisheit

Die Hüter der Weisheit und der spirituellen Tradition des Yoga waren Mönche, Heilige, Yogis, sowie tantrische und asketische Einsiedler, die außerhalb der Gesellschaft lebten. Die Meister der Meditation saßen in der Abgeschiedenheit der Wälder und den Klöstern des Himalaya und fanden sich geradewegs wieder im Schoß der Mutter Natur, die alles gab in Hülle und Fülle, ohne Vorbehalt. So lernten sie von der Sonne, die allen gab und nichts zurückhielt, vom Fluss, der über alle Hindernisse hinweg floss und sich schließlich dem Ozean hingab, von den Bäumen, die fest im Boden verwurzelt waren und trotzdem in den Himmel reichten. Mutter Natur lehrte in der Form der Intuition. Die alten Weisen haben dafür ein Wort: Shruti.

Im Reich jenseits der Sinneswahrnehmung

Das Wissen, welches der Sinneswahrnehmung entspringt, sagt uns nichts über die spirituelle Welt. Die Veden verfügen über eine einzigartige Autorität, weil sie die wirklich einzige Quelle dieser spirituellen Welt sind. Ohne die Veden wären wir alle verloren. Das Wissen, das aus dem Innersten als gehörte Offenbarung kommt, heißt „Shruti“. Dabei handelt es sich nicht um Wissen, welches aus Büchern oder anderen Quellen herrührt. In Mythos und Mythologie sind die Veden unvergänglich, göttlich und losgelöst von menschlicher Schwäche. Der Ursprung all dessen sind die direkten und intuitiven Einsichten der Rishis, den Sehern. Sie sind die Übermittler einer unvergänglichen spirituellen Gesetzmäßigkeit und rühren von einer Quelle, die erhaben ist über Empirik und Rationalität. Sie repräsentieren das, was die Hindus als ihren Glauben ansehen: Sanatana Dharma, das ewig Gültige.

Unabhängig von ihren jeweiligen persönlichen Gottheiten und Götzenbildern respektieren alle Hindus die Seher als die letzte Instanz der vedischen Weisheit und des ewige Gültigen.

Aus dieser alten Kultur entsprangen architektonische Wunder. Sie schenkte der Welt die Null und das numerische System. Dabei verlor sie das Interesse an der materiellen Welt. Der indische Geist konzentrierte sich vielmehr auf das Spirituelle, Metaphysische und Okkulte.

Sogar heute noch beschäftigt sich der indische Geist mit der Zusammenführung von Gegensätzen vor dem Hintergrund eines zeitlosen Weltbilds. Er ist stets um Gemeinsamkeiten bemüht und verabscheut exklusive Definitionen. Zusammengefasst: Hindus haben keine feste Doktrin, keine zentrale Autorität, keinen Papst und keine Kirche.

Die Yoga Tradition: ein Schatz für die gesamte Menschheit

Seit Jahrtausenden wurden die Hymnen der Veden, einer der ältesten Schriften der Menschheit, in überlieferter Familientradition mündlich von Generation zu Generation weitergereicht. Dieses Wissen wurde von den Brahmanen wohl behütet. Sie hielten an diesem Wissen für Jahrhunderte fest und bauten dadurch ihre gesellschaftliche Macht aus. Immer wieder wurden die Meister spiritueller Traditionen dazu gezwungen, ihr Wissen dem Rest der Menschheit zur Verfügung zu stellen um damit das entstandene spirituelle Vakuum zu füllen. Sie taten dies in einzigartiger, radikaler Weise und brachen alle Konventionen.

Heute sehen wir diese Bemühungen in der Annäherung östlicher und westlicher Kulturen. Die spirituelle Tradition des Yoga ist nicht das Privileg einer einzelnen Kaste, einer Kultur oder eines Volkes. Yoga als Tradition spiritueller Übungen ist ein Geschenk für die gesamte Menschheit.

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