Vedantische Übung des Vichara oder Selbsterforschung

Dialog zwischen Meister und Schüler

Die vedantische Übung des Vichara oder Selbsterforschung wird erklärt

Über die subtile Philosophie des Vedanta ist viel gesagt und geschrieben worden, aber den praktischen Übungen, die dieser erhabenen Philosophie entspringen wird nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt. Für die meisten bleibt Vedanta eine bloße intellektuelle Auseinandersetzung.

Die vedantische Übung des Vichara und seine Variationen

Einer der schönsten vedantischen Übungen ist die Praxis des Vichara. Wörtlich übersetzt bedeutet Vichara: nachdenken, überlegen, analysieren oder sich prüfen. Vichara wird auch mit Selbst-Erforschung übersetzt oder ist bekannt als interner Dialog oder innere Einkehr.

Ein Dialog zwischen Schüler und Lehrer heißt "upanishad". Solche Dialoge finden sich in sehr vielen spirituellen Traditionen: bspw. zwischen Arjun und Krishna, zwischen Rama und Vasistha, zwischen den Weisen in den Upanishaden und deren strenggläubigen Schülern oder zwischen Jesus und seinen Aposteln.

Solch einen Dialog kannst auch du mit dir selbst führen. Du erlangst dadurch Einblicke in die Geheimnisse deines Geistes und DAS, was jenseits des Geistes liegt. Vichara ist ein interner Dialog, weil er sich in deinem Inneren abspielt als Dialog zwischen dem inneren Beobachter und dem, was im Innersten beobachtet wird.

Das Wesen dieser Übung ist überaus subtil und daher schwierig zu definieren. Es trägt unterschiedliche Namen und wird in den verschiedensten Variationen ausgeführt. Texte des Vedanta bezeichnen es auch als Shravana, Manana und Nididhyasana. In den Yoga Sutren des Patanjali wird es Pratipaksha Bhavana genannt.

Eine spezifische und sehr bekannte Form des Vichara ist "Who am I?" ("Wer bin ich?") oder Neti, Neti ("Nicht dies und das auch nicht").

Einer der subtilsten Formen des Vichara ist die Kontemplation über die Mahavakyas oder Große Wahrheiten.  

Die Vorteile des Vichara, bzw. der Selbst-Erforschung

  • Durch Vichara stärken wir unser Budhhi oder innere Weisheit, die uns wiederum in allen Bereichen unseres Lebens führt und eine Richtung gibt. Die tägliche Übung des Vichara, bzw. des internen Dialoges stärkt die Entscheidungskraft und schärft unseren höheren Geist, Buddhi.
  • Während Meditation hilft, uns in allen Bereichen weiter zu entwickeln, unterstützt uns Vichara oder der interne Dialog dabei, eine Lebensphilosophie aufzubauen.
  • Wenn du zu müde oder erschöpft bist zu meditieren, dann ist Vichara oder ein interner Dialog ein guter Ersatz. Vichara hilft auf natürliche Weise Konflikte zu lösen, die dadurch entstehen, dass der Suchende in eingefahrenen Verhaltensmustern festsitzt und der Geist immer wieder zu alten ungesunden Gewohnheiten zurückkehrt.
  • Vichara hilft, Yoga in unser tägliches Leben zu integrieren. Es verhilft den Weisen „in Brahman zu wandeln“; die subtilste Form von "Brahmacharya".
  • Vichara, bzw. Selbst-Erforschung ist lediglich eine vorbereitende Übung, die aber irgendwann zu solch einem wichtigen Teil deines Lebens werden kann, dass deine innere Weisheit erweckt wird und dich in allen Bereichen deines Lebens führt und leitet.
  • Vichara bringt uns in Berührung mit den Instrumenten des Geistes, die Antahkarana oder auch die vier Funktionen des Geistes genannt werden. Dazu gehören: Manas (der Verarbeiter der Sinne), Buddhi (der höhere Geist oder Weisheit), Ahamkara (das Ich-Bewußtsein) und Chitta (das Erinnerungsvermögen).

Die Bedeutung von Vichara

Das folgende Beispiel aus der Yoga Vasishtha zeigt die große Bedeutung von Vichara. Prahlad, ein großer Gottesverehrer, hatte einen Wunsch frei und geschickt verlangte er Folgendes: "Oh, Herr, erfülle mir den Wunsch, den du selbst für grenzenlos und unendlich erachtest." Die folgende Antwort hebt die Bedeutung von Vichara oder Selbst-Erforschung hervor: "Prahlad, mögest du gesegnest sein mit dem Geist des Fragenden bis du schließlich Ruhe findest in der Unendlichkeit des Brahman."

Vichara in der Yoga Vasishtha

Die Yoga Vasishtha, einer der bedeutendsten vedantischen Texte ist voller Beispiele des Vichara und weist die Selbst-Erforschung als den höchsten und direktesten Weg zur Selbst-Erkenntnis aus.  Nachfolgend findest du einen Dialog des weisen Königs Janaka. Mit Hilfe dieses Dialoges erreicht der Weise, in sich zu ruhen: "Oh, Geist, das weltliche Leben führt dich nicht zu deiner wahren Glückseligkeit. Suche nach Gelassenheit und Gleichmut. Nur so wirst du Frieden, Glückseligkeit und Wahrheit finden. Immer wenn du mutwillig dich zerstörende Gedanken einlädst, beginnt sich die Illusion dieser Welt zu erweitern und auszubreiten. Immer wenn du weltlichen Begierden nacheiferst beginnt sich die Illusion dieser Welt zu vervielfältigen. Der Gedanke alleine gibt dieser Welt den Anschein der Realität. Daher lass ab von diesen weltlichen Gedanken und werde gelassen und voller Gleichmut.

In deinem Geist wäge ab zwischen den weltlichen Freuden auf der einen Seite und dem Segen des inneren Friedens auf der anderen Seite.  Was immer du für die Wahrheit hältst, daran halte fest und erlange es.

Gib alle Hoffnungen und Erwartungen auf und bewege dich in Freiheit losgelöst sogar vom bloßen Verlangen etwas zu suchen oder aufzugeben. Ob du diese Welt für real oder irreal hältst oder ob du diese Welt entstehen oder untergehen lässt, spielt keine Rolle. Einzig wichtig ist, dass du weder durch Verdienste noch Verfehlungen deine Gelassenheit und deinen Gleichmut beinträchtigen lässt."

Vichara in den Yoga Sutren des Patanjali

In Sutra II.33 Vitarka-badhane pratipaksha-bhavanam, erklärt Patanjali  unter Bezugnahme auf die Yamas und Niyamas: "Wenn der Geist durch unangemessene Gedanken beunruhigt ist, dann hilft einzig und allein die beharrliche Besinnung auf das Gegenteil."

Der Weise Vyasa beleuchtet diesen "Gedanken an das Gegenteil" in seinem Kommentar über diese Sutra noch genauer. Entgegen langläufiger Vorstellung, dass das Gegenteil von Hass Liebe oder dass das Gegenteil von Unredlichkeit Ehrlichkeit ist, erklärt Vyasa, dass der entgegengesetzte Gedanke ein solcher ist, der den Suchenden erleuchtet und das Unwissen, Avidya, zerstört. Das Gegenteil aller ungesunden Gedanken ist ein und das Gleiche vor dem Bewußtsein, dass alles vergänglich ist.

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