Wie übe ich Vichara oder Selbsterforschung

Mahavakyas

Dialog mit der Natur

Der einzige Weg Selbsterforschung wirklich zu verstehen, ist, sie zu praktizieren.

Vichara kannst du jederzeit und überall üben. Wenn möglich, schließe deine Augen. Und sprich zu deinem Geist. Es klingt ein wenig seltsam, mit dir selbst zu sprechen und in der Tat könnte deine erste Reaktion sein: "Ich bin doch nicht verrückt!" Aber gib der Übung eine Chance. Immerhin ist es eine Übung, über die die Heiligen seit Tausenden von Jahren sprechen.

1. Fange damit an, sinnvolle Fragen zu stellen

Zu Anfang hilft dir Vichara oder der interne Dialog eine Beziehung zu deinem eigenen Geist zu entwickeln. Wir wissen so wenig über uns selbst, nicht einmal, was wir aus unserem Leben machen wollen und was uns wirklich glücklich macht. Erkläre deinem Geist einfach, dass er zu  weltlich ist:

"Lieber Geist, beobachte die materielle Welt und werde dir der Vergänglichkeit der Dinge bewusst, die zu erreichen und dir zu Eigen machen versuchst. Was unterscheidet die Dinge, die du im Traum und die Dinge, die du im Wachzustand wahrnimmst? Warum machen wir uns abhängig von den unwirklichen Dingen der Welt, die wie die Erfahrungen des Traumes sind. Sie ändern sich ständig und du kannst sie nicht wirklich besitzen. Lieber Geist, folge den Worten der großen Heiligen und Lehrer. Folge denen, die bereits den Weg des Lichts und der Erleuchtung gegangen sind. Dann wirst du herausfinden, dass die Wahrheit sich nicht verändert und dass die absolute Realität jenseits von Zeit, Raum und Kausalität liegt."

(Zitat aus Mandukya Upanishad: Enlightenment without God, Swami Rama)

Oder stelle Fragen wie:

"Lieber Geist, was willst du eigentlich erreichen? Was ist der Sinn des Lebens?"

2. Lerne zuzuhören

Der Geist, der in einem Monolog verfangen ist, wird sich in einem eigenen Labyrinth von Worten, Gedanken, Phantasien, Erinnerungen und Bilder verlieren. Vichara ist kein Monolog. Es ist ein Dialog zwischen dir und deinem Geist. Wenn du eine Frage stellst, höre einfach zu. Zuhören ist der Kern dieser Übung.

"Lieber Geist, ich möchte dein Freund sein. Wirst du ehrlich zu mir sein? Wirst du alle deine Geheimnisse mit mir teilen? Ich höre dir zu."

"Lieber Geist, lasse alle Fragen und Zweifel zu. Willst du nicht deine Geheimnisse mit mir teilen?"

3. Entwickle eine Beziehung zu deinem Geist

Sobald wir mit unserem Geist in Verbindung kommen, werden wir uns dessen Vielschichtigkeit bewusst.  Der Prozess der Selbsterforschung kann in der Tat in die Irre führen, denn der Geist kann dein bester Freund aber auch dein schlimmster Feind sein. In dieser Phase der Übung lernen wir den Geist zu unserem Freund zu machen und eine Beziehung mit ihm aufzubauen.

Überlege dir, wie du deinem Geist gegenüber trittst: als Freund, Mentor, Mutter, Vater, Kind oder Lehrer? Als Krishna seinen Freund Arjuna unterrichtete, repräsentierte Krishna den edelen Geist oder die innere Weisheit, welche auch als Buddhi bezeichnet wird.

Kommandiere deinen Geist nicht herum. Sei sein Freund und pflege eine Beziehung, so wie du es mit einem Freund machen würdest. Werde dir bewusst, welche Art von Geist du hast. Sei geduldig und nicht wertend. Sei sanft und liebevoll. Gerate nicht in einen Konflikt, sondern sei konstruktiv. Wenn du nicht meditieren willst, lass' es einfach. Stattdessen führe einen sanften Dialog.

"Lieber Geist, verachte dich nicht. Sei sanft und verzeihe dir."

"Lieber Geist, ist dieser Gedanke nützlich, ist dieser Gedanke hilfreich?"

"Lieber Geist, all das, was angenehm ist nicht unbedingt gut für uns und all das, was gut ist, ist nicht unbedingt angenehm für uns. Sind diese Wünsche gut oder angenehm?"

4. Lade das Verborgene ein, nach aussen zu kommen

Es ist empfehlenswert, Vichara oder Selbsterforschung täglich vor Beginng der Meditation zu üben. Erlaube deinem Geist dabei, alle Zweifel, Fragen und Ängste vorzubringen, so daß sie dich nicht während der Meditation stören können.

Die Praxis des Vichara oder Selbsterforschung hilft dem Übenden, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Aus diesem Blickwinkel heraus, lädt der Übende das Unsichtbare und das Versteckte ein hervorzutreten und er wird unabhängig vom stets fließenden Strom der Gedanken. Er ist in der Lage, seine Urteilsfähigkeit zu bewahren.

"Lieber Geist, welche Gedanken und Bilder du auch vor mich bringst, ich werde nicht von ihnen gestört werden. Kommt, Gedanken, kommt!"

5. Weisheit erreichen 

Sobald das Verborgene sichtbar wird, beginnt der Suchende spontan Fragen zu stellen. Dann scheint es so, als ob die Praxis mühelos abläuft und sich verselbstständigt. Der Suchende wird von Fragen überflutet: "Was ist die Natur des Geistes?" oder "Was ist die Ursprung des Universums?"

Eine Frage ergibt sich aus der Tiefe des Geistes und des Herzens, eine Frage, die sich seinen Weg durch die Ebenen des Geistes bahnt. Und diese Frage lautet: "Wer bin ich?" Jetzt ist der Suchende auf dem besten Weg zu einer vertieften Vichara-Praxis, so wie sie bereits von dem großen Weisen Raman Maharishi in  Arunachala als Praxis empfohlen wurde, die sicher durch das Labyrinth des Geistes führt.

Die Selbsterforschung in Form der Frage "Wer bin ich?" ist eine spezielle Form des Vichara bzw. des internen Dialogs. Um die Antwort zu finden, verwendet der Suchende die alte vedische Weisheit: "neti, neti" oder "nicht dies, nicht dies". Der Prozeß der Eliminierung führt zur richtigen Antwort.

Wenn der Geist nicht von den Sinnen hin- und hergerissen wird, dann ist er in einem natürlichen Zustand der Kontemplation. In seinem Innersten schwelgt der Geist in seiner eigenen Natur und betrachtet und realisiert die großen Wahrheiten oder Mahavakyas der Upanishaden. Durch den kontemplativen Geist wird Yoga vollständig verinnerlicht. 

In der Form eines Dialogs beginnt Vichara mit einem dualistischen Aspekt, bis der Suchende in der Erkenntnis der EINEN nicht-dualistischen Wahrheit ruht.

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